Aus erster Hand · Expedition Januar 2024

Aconcagua Q&A – die großen Fragen, ehrlich beantwortet

Nach meiner Rückkehr bekam ich immer wieder dieselben Fragen gestellt. Hier sind die Antworten – für alle, die selbst mit dem Gedanken an den höchsten Berg Amerikas spielen, und für alle, die einfach neugierig sind.

Was ist der Aconcagua – und woher kommt der Name?

Der Aconcagua ist mit 6.961 Metern der höchste Berg Amerikas – und zugleich der höchste Berg der Welt außerhalb Asiens. Er steht in den argentinischen Anden, in der Provinz Mendoza nahe der Grenze zu Chile, und gehört als einer der Seven Summits zu den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente. Über die Normalroute ist er ein Trekking-Berg ohne Kletterpassagen – was ihn nicht harmlos macht: Höhe, Kälte und Sturm sind hier die eigentlichen Gegner.

Der Name stammt vermutlich aus den indigenen Sprachen der Anden. Die bekannteste Deutung führt ihn auf das Quechua „Ackon Cahuak" zurück: „der steinerne Wächter" – auf Englisch „The Stone Sentinel". Genau daher haben mein Buch und seine englische Ausgabe ihre Titel. Andere Lesarten kommen aus dem Aymara („weiße Schlucht") oder dem Mapudungun – ganz einig ist sich die Forschung nicht. Wer den Berg aber einmal über dem Horcones-Tal hat aufragen sehen, versteht, warum sich der Wächter durchgesetzt hat.

Was kostet eine Aconcagua-Expedition?

Meine geführte Expedition kostete 5.800 € inklusive Leihequipment – Schlafsack, Parka, Double Boots, Mittens (Stand 2024). Dazu kamen rund 650 € für die Spezialversicherung, die Bergungen oberhalb von 6.000 Metern abdeckt – Standard-Auslandskrankenversicherungen enden dort in der Regel. Flüge, Hotels und Verpflegung vor und nach der Tour kommen obendrauf, ebenso das Permit für den Nationalpark.

Wer Porter für alle Etappen, warme Duschen im Basecamp oder WLAN will, zahlt teils happige Aufpreise – eine warme Dusche kostet etwa 50 €. Realistisch sollte man alles in allem mit 8.000 bis 10.000 € rechnen.

Wie gefährlich ist der Aconcagua wirklich?

Ehrliche Antwort: gefährlicher als die meisten Urlaubsziele, harmloser als sein Ruf – wenn man sich an die Regeln hält. Pro Saison versuchen mehrere Tausend Menschen den Gipfel; es sterben im Schnitt zwei bis drei pro Saison, fast immer oberhalb von 6.000 Metern. Die große Mehrheit der Todesfälle geht auf Höhenkrankheit, Herz-Kreislauf-Versagen und Erschöpfung zurück, nicht auf Abstürze – die Normalroute hat keine technischen Kletterpassagen.

Übersetzt heißt das: Die Gefahr ist beherrschbar für den, der langsam aufsteigt, viel trinkt, ehrlich mit seinen Symptomen umgeht und im Zweifel umkehrt. Sie ist tödlich für den, der eines davon weglässt. Und man sollte wissen: Oberhalb von rund 6.000 Metern wird jede Rettung zum Großeinsatz, denn irgendwann ist die Luft selbst für Helikopter zu dünn.

Braucht man Klettererfahrung?

Für die Normalroute nicht – aber man braucht sicheren Umgang mit Steigeisen, Erfahrung mit mehrtägigen Touren, Zeltroutine bei Sturm und die Fähigkeit, wochenlang auf Komfort zu verzichten. Der Aconcagua ist kein Kletterberg, er ist ein Ausdauer-, Logistik- und Kopfberg.

Und eines braucht man außerdem: Glück. Das Wetter kann einem die Rechnung gründlicher durchstreichen als jede andere Variable – 16 Tage ohne ein einziges Gipfelfenster haben wir selbst miterlebt.

Wie trainiert man dafür (richtig)?

Der Goldstandard: mindestens vier bis sechs Monate systematischer Aufbau. Zwei bis drei Ausdauereinheiten pro Woche, davon eine lange (mehrere Stunden in Zone 2). Dazu Krafttraining für Beine, Rumpf und Rücken – der Rucksack wiegt am Berg bis zu 20 Kilo. Der wichtigste Baustein: Wandern mit schwerem Gepäck bergauf, so oft und so realistisch wie möglich, idealerweise mit Übernachtungen in echter Höhe.

Und man sollte vorher mindestens einmal auf 6.000 Metern gewesen sein – nicht als sportliche Referenz, sondern um zu wissen, wie der eigene Körper auf Höhe reagiert. Ich habe am Berg Menschen scheitern sehen, die fitter waren als ich. Höhe ist eine eigene Disziplin – und zu einem großen Teil Veranlagung.

Wann ist die beste Zeit?

Die Saison läuft von Dezember bis März – Sommer auf der Südhalbkugel. Hauptsaison und stabilstes Wetter: Januar. Außerhalb der Saison ist der Berg gesperrt beziehungsweise nur mit Sondergenehmigung und für Extrembergsteiger zugänglich.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Die saisonale Erfolgsquote liegt bei etwa 10 bis 20 Prozent – das Wetter ist die größte Variable. In unserer Gruppe erreichten sechs von zwölf Teilnehmern den Gipfel, und das galt schon als überdurchschnittlich erfolgreich. Der Gipfeltag selbst: 15 Stunden unterwegs, Start um 5:00 Uhr bei minus 25 Grad, Gipfelankunft um 14:52 Uhr.

Was isst und trinkt man am Berg?

Bis ins Basecamp ist die Verpflegung erstaunlich gut: In Confluencia und Plaza de Mulas kochen richtige Köche, es gibt Empanadas, Burger und sogar ein Barbecue. In den Hochlagern wird es einfacher: Gefriergetrocknetes, Suppen, Tee, dazu selbst zusammengestellte Snacks für sieben Tage. Der Appetit nimmt mit der Höhe rapide ab – Essen wird zur Disziplin.

Trinken ist noch wichtiger: sechs bis acht Liter täglich, meist geschmolzenes Gletscherwasser. Am Gipfeltag hatte ich einen Liter Tee, zwei Liter Wasser und eine halbe Flasche Cola dabei – Letztere ist am Berg Gold wert: Zucker, Koffein und Moral in einer Flasche.

Wie schläft man da oben?

Kurz gesagt: schlecht, und das ist normal. Die Höhe stört den Schlafrhythmus massiv, dazu kommen Wind, Kälte und Enge. Im Basecamp schläft man in Gemeinschaftszelten auf Feldbetten, in den Hochlagern zu zweit im Expeditionszelt, in Schlafsäcken mit Komforttemperatur bis minus 20 oder 25 Grad.

Man schläft mit halbem Equipment: Trinkflaschen und Elektronik wandern mit in den Schlafsack, damit nichts gefriert. Ohrstöpsel sind keine Empfehlung, sondern Pflicht – der Wind am Zelt klingt in 5.500 Metern wie ein Güterzug.

Was gehört auf die Packliste für den Gipfeltag?

An den Füßen: Double Boots, Steigeisen, Merinosocken, zwei Fußwärmer. An den Händen: dünne Liner-Handschuhe, Mittens, Handwärmer. Am Körper: Skiunterwäsche, Trekking- und Gore-Tex-Hose, Funktionsshirt, Fleece, Hardshell, Parka – die Daunenjacke als Reserve. Am Kopf: Stirnlampe, Skibrille, Balaclava, zwei Buffs, Mütze, Ohrstöpsel.

Im 30-Liter-Rucksack: Rettungsdecke, ein Liter Tee, zwei Liter Wasser, eine halbe Flasche Cola, Snacks, Helm, Stöcke, Eispickel, Handy, Garmin inReach, Erste-Hilfe-Set. Der Trick, der sich am meisten bewährt hat: Rettungsdecken vorab zerschneiden und die Stücke als zusätzliche Isolierung in die Schuhe legen, in die Handschuhe stopfen und um die Wasserflaschen wickeln.

Gibt es Handyempfang oder Internet am Berg?

Ab dem Parkeingang gibt es keinen Empfang mehr. Meine Lösung: ein Garmin inReach Mini – Satellitenkommunikation von der Größe einer Streichholzschachtel. Damit konnte mich jeder live tracken, und ich konnte täglich kurze Nachrichten mit 120 Zeichen senden. Für die Menschen zu Hause ist so ein tägliches Lebenszeichen mehr wert als jedes Souvenir.

Im Basecamp werden inzwischen WLAN-Pakete verkauft – teuer, und ob sie an einem bestimmten Tag funktionieren, kann einem niemand garantieren.

Wie funktioniert Hygiene am Berg?

Vorab akzeptieren: Am Berg macht man Abstriche. Warme Duschen gibt es nur im Basecamp gegen Aufpreis – ansonsten Katzenwäsche mit Feuchttüchern, einer Handvoll Schnee oder in der eiskalten Gletscherlagune. Kleidung trägt man tagelang dieselbe.

In den Hochlagern wandert das große Geschäft in einen verschlossenen Beutel und wird wieder mit hinuntergetragen – nichts darf oben bleiben und das Schmelzwasser gefährden, aus dem alle am Berg trinken. Wichtigste Regel: Hände konsequent desinfizieren. Magen-Darm-Infekte beenden mehr Expeditionen als das Wetter.

Welche Berge sollte man vorher bestiegen haben?

Auf keinen 7.000er fällt man – man arbeitet sich über Jahre hinauf. Bei mir waren es nach dem Huayna Potosí 2018 über 60 Gipfel und Touren in mehr als 16 Ländern, vom Mont Blanc über Kilimandscharo bis Großglockner, dazu Hoch- und Gletschertouren in den Alpen.

Das Entscheidende: mindestens ein 6.000er vor dem Aconcagua – nicht als sportliche Referenz, sondern als Test der eigenen Höhenverträglichkeit.

Würdest du es wieder tun?

Sofort. Aber anders: mit systematischem Training über Monate, mit der Versicherungsfrage vor der Buchung statt danach – und mit dem Versprechen, beim nächsten Mal den Mund aufzumachen, wenn es mir schlecht geht. Warum das wichtig ist, steht im Buch.

Buchcover: Der steinerne Wächter von Raphael Mielke

Die ganze Geschichte hinter diesen Antworten

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